Warum ich als Gründerin mit Kids mein Unternehmen so gebaut habe, dass es ohne mich läuft
Von Maria Elisabeth Doerk · Unternehmerin & Business Coach
Meine erste Firma floppte.
Nicht spektakulär, nicht mit Knall. Sie lief einfach aus, während ich noch dachte, ich müsste am Produkt schrauben. Meine Co-Founderin und ich haben zwar viel an der Firma gearbeitet, aber nicht an den richtigen Stellschrauben. Unendlich viel Zeit ins Produkt gesteckt, aber nicht in die Strukturen der Firma. Heute weiß ich: Genau das war der Fehler. Und genau dieser Fehler ist der Grund, warum ich beim zweiten Anlauf etwas anderes gebaut habe — nicht ein besseres Produkt, sondern eine bessere Struktur. Wenn du gerade überlegst, ob finanzielle Unabhängigkeit mit eigenem Unternehmen realistisch ist, während zwei kleine Kinder durch deine Wohnung rennen: Dieser Text ist mein ehrlicher Bericht. Mit Umwegen. Ganz ohne Hochglanz.
Ich habe inzwischen vier Unternehmen gegründet. Zwei davon existieren heute, als GmbHs in einer Holding-Struktur, und ich bin bei beiden alleinige Inhaberin. Das klingt nach einem geraden Weg, oder? War es nicht. Der Anfang lag im Nebenerwerb, neben allem anderen, was ein Leben mit kleinen Kindern so verlangt.
Meine Ausgangssituation: zwei kleine Kinder, ein Teilzeit-Anstellung, eine Gründung, die scheiterte
Fangen wir da an, wo es unangenehm ist.
Meine erste Gründung war eine GbR — eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, also die einfachste Form, mit der man zu zweit oder zu mehreren ein Geschäft betreibt. Kein Startkapital nötig, schnell aufgesetzt, aber mit persönlicher Haftung. Ich hatte eine Idee, an die ich geglaubt habe, und ich habe getan, was fast alle tun, die zum ersten Mal gründen: Ich habe mich in das Produkt verliebt.
Meine Co-Founderin und ich haben wochenlang an den Details gefeilt. Wir haben optimiert, verfeinert, nachgebessert. Was wir beide damals noch taten: verstanden, wie das Geschäft dahinter eigentlich funktioniert. Wie Vertrieb funktioniert. Wie Preise entstehen. Wie man rechnet, bevor man baut. Wie man Kundinnen gewinnt, ohne zu hoffen, dass sie schon von allein kommen, weil das Produkt ja gut ist.
Und dann kam Corona und der Markt, in dem ich unterwegs war, brach zusammen. Nicht langsam. Sofort. Unklar, ob wann wir unser Produkt wieder live anbieten können. Hätten wir gewusst, wie lange die Regelungen für Corona andauern, hätten wir es wohl sofort eingestellt. Stattdessen haben wir gekämpft, unser Produkt in einer digitalen Sparte weitereinwickelt, uns für StartUp-Programme beworben, bis wir einen der begehrten Plätze bekommen haben, an kommunalen Ausschreibungen teilgenommen. Und trotzdem mussten wir nach drei Jahren aufgeben und einsehen, dass wir mit diesem Konzept auf unsere Weise nicht erfolgreich werden, schon gar nicht während einer Pandemie.
Ich könnte jetzt sagen: Pech. Externer Schock, niemand hätte das kommen sehen. Stimmt sogar. Aber es wäre die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte: Ein Unternehmen mit zu wenig Wissen und zu viel Produktverliebtheit hätte auch ohne Pandemie gewackelt. Corona hat nur beschleunigt, was strukturell schon nicht trug.
Was mir dieser Flop gebracht hat, war allerdings kein kleines Trostpflaster. Ich sage heute halb im Scherz, halb ernst: Ich habe meinen MBA in der Praxis gemacht, statt an einem College in England. Gekostet hat es wahrscheinlich ungefähr dasselbe. Der Unterschied ist nur, dass ich für dieses Studium keine Urkunde bekommen habe, sondern einen Haufen sehr konkreter Erkenntnisse darüber, wie man es nicht macht. Ich habe so viel gelernt, und ich mache den gleichen Fehler nicht zweimal.
Parallel dazu: zwei kleine Kinder und zu Beginn noch eine zusätzliche Teilzeittätigkeit. Immer zu wenig Zeit zum Arbeiten und gleichzeitig zu wenig Zeit für die Familie. Das Gefühl, mental unterfordert zu sein und gleichzeitig nicht noch mehr leisten zu wollen und zu können. Das ist kein romantisches Detail für die Autorenbio, das ist die zentrale Rahmenbedingung. Es bedeutet, dass ich nie den Luxus hatte, „einfach mehr zu arbeiten“. Die Standardlösung der Selbstständigkeit — bei Problemen mehr Stunden reinstecken — stand mir schlicht nicht zur Verfügung. Im Rückblick ist das das Beste, was mir passieren konnte.
Die eine Einsicht: Finanzielle Unabhängigkeit ist ein Bauprojekt, kein Zustand
Es gibt diesen Gedanken, der in fast jedem Gründungstext mitschwingt: Du machst dich selbstständig, arbeitest hart, und irgendwann kippt es — dann bist du frei. Freiheit als Belohnung am Ende einer Anstrengung.
Bei mir war es – genau wie bei den meisten Gründern und Gründerinnen – genau umgekehrt.
Die Tätigkeit als Geschäftsführerin um Unternehmen hat mich zuerst unfreier gemacht. Deutlich unfreier. Als Angestellte hast du Feierabend, Urlaub, Krankheitstage und einen Arbeitgeber, der das finanzielle Risiko trägt. Als Solo-Selbstständige bist du der Engpass für alles: Verkauf, Lieferung, Rechnung, Reklamation, Steuern. Wenn du ausfällst, fällt das Geschäft aus. Das ist keine Unabhängigkeit. Das ist ein Job ohne Sicherheitsnetz, den du dir selbst gegeben hast.
Der Wendepunkt kam, als ich aufgehört habe, Freiheit als Gefühl zu behandeln, und angefangen habe, sie als Konstruktion zu behandeln. Konkret: Welcher Teil meines Unternehmens hängt an meiner Person? Und wie kann ich mich selbst unwichtiger machen und meine Aufgaben delegieren?
Dieser Satz ist der rote Faden des ganzen Artikels. Alles, was jetzt kommt, ist Ableitung davon.
Selbstbestimmung heißt: Entscheidungen treffen, nicht Freizeit haben
Ich merke im Coaching immer wieder, wie oft Selbstbestimmung mit Freizeit verwechselt wird. Selbstbestimmung heißt nicht, dass du morgens ausschläfst. Sie heißt, dass du entscheidest, was passiert — welche Kunden du annimmst, welche Projekte du ablehnst, wann du Nein sagst, wie dein Tag aussieht, wenn ein Kind Fieber hat.
Und diese Entscheidungsmacht hängt an zwei Dingen: an Geld und an Ersetzbarkeit. Geld, damit du dir ein Nein leisten kannst. Ersetzbarkeit, damit dein Nein keine Katastrophe auslöst. Wer nur an Geld arbeitet und die Ersetzbarkeit ignoriert, baut sich ein goldenes Hamsterrad. Ich kenne einige, denen genau das passiert ist — und ich war selbst kurz davor.
Meine Timeline — ehrlich in Phasen statt in Monaten
Eine Anmerkung vorweg, weil ich hier keine Zahlen erfinden will: Ich habe meinen Weg nicht monatsgenau dokumentiert. Deshalb bekommst du keine „Monat 3: erster Umsatz“-Tabelle, wie du sie sonst überall liest. Du bekommst Phasen. Die sind ehrlich, auch wenn sie weniger schick aussehen.
🗓️ Mein Weg in vier Phasen
Phase 1 — Nebenerwerb. Der Start passierte neben allem anderen. Keine große Finanzierung, kein Sprung ins kalte Wasser, sondern ein Aufbau parallel zum bestehenden Leben.
Phase 2 — Die erste GbR und ihr Ende. Zu viel Fokus auf das Produkt, zu wenig unternehmerisches Wissen. Dann der Markteinbruch durch Corona. Ergebnis: Aus. Und ein Wissensstand, den ich vorher nicht hatte.
Phase 3 — Neugründung mit umgesetztem Wissen. Parallel zur ersten Firma gründete ich bereits neu. Diesmal zuerst das Geschäftsmodell, dann das Produkt. Aufbau eines Teams aus Freelancern statt Alleinarbeit. Systematische Auslagerung aller Bereiche, die ich selbst nicht gut kann.
Phase 4 — Heute. Zwei GmbHs in Holding-Struktur, alleinige Inhaberin. Zwei feste Mitarbeitende, über 40 Freelancer. Das Tagesgeschäft ist nicht mehr auf mich angewiesen. Meine Rolle: Wachstum. Meine Kinder kommen mittags von der Schule, auswärtige Betreuung ist nicht nötig. Nachmittags arbeite ich flexibel.
Hinweis: Das ist mein persönlicher Verlauf — ein Einzelergebnis, kein typischer Verlauf und keine Garantie für Erfolg bei Dritten.
Marktkontext: Frauen gründen — aber vor allem nebenbei
Damit du meine Geschichte einordnen kannst, hier ein paar belegte Marktzahlen. Ich nenne bewusst die Quelle dazu, damit du selbst nachprüfen kannst — und weil Zahlen ohne Quelle in diesem Themenfeld meistens Marketing sind.
Der Female Founders Monitor (Startup-Verband gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung) weist für den Startup-Bereich einen Frauenanteil von rund 19 Prozent aus — mit zuletzt leicht rückläufiger Tendenz. Als Gründe nennt die Studie unter anderem fehlende Impulse im Bildungssystem, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Sorgearbeit und Beruf sowie schlechteren Zugang zu Netzwerken. Das kann ich alles genau so bestätigen.
Noch interessanter finde ich die Zahlen aus dem KfW-Gründungsmonitor, weil sie das gesamte Gründungsgeschehen abbilden, nicht nur Startups. Dort zeigt sich ein Muster, das exakt zu meiner eigenen Erfahrung passt: Der Zuwachs an Gründungen wird fast vollständig vom Nebenerwerb getragen. Der Anteil der Gründerinnen lag zuletzt bei rund 35 Prozent — im Nebenerwerb stabil bei etwa 38 Prozent, im Vollerwerb dagegen deutlich rückläufig.
Quellen: Female Founders Monitor (Startup-Verband / Bertelsmann Stiftung); KfW-Gründungsmonitor. Die Studien werden jährlich aktualisiert, prüfe vor jeder Weiterverwendung den aktuellen Stand direkt bei KfW Research, Destatis, Statista oder dem Startup-Verband. Stand August 2026.
Firmen Gründung für Frauen: Der Nebenerwerb ist kein Kompromiss
In vielen Gründungsratgebern klingt der Nebenerwerb nach Halbherzigkeit. Der mutige Weg sei der Sprung, das Alles-oder-nichts, das Verbrennen der Schiffe. Ich halte das für schlechten Rat, besonders bei einer Firmen Gründung für Frauen mit Sorgeverantwortung.
Mein eigener Start lag im Nebenerwerb. Und rückblickend war das kein Kompromiss, sondern ein Vorteil: Ich konnte Annahmen testen, ohne dass eine falsche Annahme existenzbedrohend wurde. Ich konnte Fehler machen, die bezahlbar blieben. Genau deshalb hat mich der Flop der ersten Firma zwar getroffen — aber nicht ruiniert.
Was ich allerdings unterschätzt habe: Nebenerwerb heißt nicht weniger Druck. Es heißt, dass du zwei Systeme parallel bedienst und die Übergänge zwischen ihnen selbst organisieren musst. Der Preis wird nicht in Euro bezahlt, sondern in Aufmerksamkeit und Erholung. Das gehört ehrlicherweise dazu. Und was beim Thema „Nebenerwerb“ oft ausgespart wird: die meisten Frauen unterliegen bereits ein Doppelbelastung aus Erwerbsarbeit und Care-Arbeit. Dazu werde ich sicher nochmal einen separaten Artikel schreiben.
Wenn eine Vollzeit Gründung (was auch immer für dich Vollzeit ist, also unter Aufgabe deiner Angestelltentätigkeit) nicht möglich ist, starte nebenbei. Sonst wird das das eine Argument sein, was dich für immer von der Gründung abhält. Es ist zu schaffen. Und lediglich länger dauern als eine Gründung in Vollzeit. Aber wenn du nicht anfängst, dauert es noch länger.
Was gut gelaufen ist: Das Team, das mich nicht mehr braucht
Der eine Punkt, auf den ich wirklich stolz bin, lässt sich in einem Satz sagen: Mein Team ist im Tagesgeschäft nicht mehr auf mich angewiesen.
Konkret heißt das: zwei feste Mitarbeitende und über 40 Freelancer. Alle wesentlichen Bereiche, die ich selbst nicht kann oder nicht gut kann, sind verlässlich ausgelagert — Buchhaltung, operative Assistenz, Recruiting. Ich bin nicht mehr die Person, die den Laden am Laufen hält. Ich bin die Person, die entscheidet, wohin der Laden wächst.
Wie ich dahin gekommen bin, in vier Schritten, die ich so wieder machen würde:
1. Aufschreiben, was nur ich kann — und es ehrlich prüfen. Ich habe eine Woche lang notiert, was ich tue (und auch wie viel Spaß es mir macht). Nicht grob, sondern in Blöcken. Danach habe ich jede Position mit zwei Fragen bewertet: Wie viel Wachstum oder Einnahmen bringt es der Firma? Und hat es mir selbst Freude bereitet?
Bei mindestens 80% der Aufgaben war danach klar: sie sind nur klein-klein, und bringen nichtmal Umsatz. Meine eigene Freude daran? Minimal.
2. Prozesse dokumentieren, bevor ich Menschen suche. Das ist der Schritt, den fast alle überspringen — ich auch, beim ersten Mal. Wenn du eine Aufgabe abgibst, die nur in deinem Kopf existiert, gibst du keine Aufgabe ab. Du gibst ein Rätsel ab. Und du wirst jede Woche gefragt, wie das Rätsel gemeint war. Erst Rollen festlegen und konkret beschreiben, dann besetzen.
3. Freelancer statt Festanstellung — am Anfang. Feste Mitarbeitende sind eine unternehmerische Verpflichtung, die du erst eingehen solltest, wenn die Auslastung stabil ist. Mit Freelancern kannst du früher anfangen, kleiner testen und schneller korrigieren. Die feste Anstellung kam bei mir später, nicht zuerst.
4. Systeme statt Zuruf. Ab einer gewissen Teamgröße geht Koordination per Zuruf nicht mehr. Bei mir läuft heute alles über ein zentrales System, in dem Aufgaben, Zuständigkeiten und Status sichtbar sind. Das war die Investition, die am meisten verändert hat — mehr als jeder Marketingkanal.
Was nicht funktioniert hat — der ehrliche Teil
Zu viel Produkt, zu wenig Geschäftsmodell. Das war der Kernfehler der ersten Firma. Ich habe monatelang das Angebot verbessert und dabei die Frage nicht gestellt, ob überhaupt jemand bereit ist, dafür einen Preis zu zahlen, der die Kosten trägt. Ein sehr gutes Produkt ohne funktionierende Rechnung dahinter ist ein teures Hobby. Ich sage das ohne Selbstmitleid — aber deutlich, weil ich diesen Fehler bei Coaching-Klientinnen ständig sehe.
Zu wenig Wissen — und zu spät gemerkt. Ich wusste vieles nicht: über Preisgestaltung, über Vertrieb, über das Rechnen mit Deckungsbeiträgen. Und ich habe versucht, mir vieles selbst anzulesen und beizubringen. Das hat viel Zeit gefressen, weil ich Kosten einsparen wollte. Das ist der gefährlichste Zustand, den es gibt: Du konstruierst durch deine eigene begrenzte Zeit und dein eigenes begrenztes Wissen einen Flaschenhals, und die Firma wächst nicht.
Keinen Plan für externe Schocks. Corona war nicht vorhersehbar. Dass irgendwann irgendetwas kommt, allerdings schon. Ich hatte kein zweites Standbein, keine Rücklage in einer Größenordnung, die einen Einbruch überbrückt hätte, und keine Alternative im Angebot.
Zu spät delegiert. Auch beim zweiten Anlauf habe ich zu lange selbst gemacht, was andere besser können. Der Gedanke „das erkläre ich schneller, als ich es selbst mache“ ist mathematisch richtig für einen einzigen Vorgang und ruinös, sobald der Vorgang sich wiederholt.
Und der unangenehmste Punkt: Ich habe lange geglaubt, mehr Anstrengung sei die Lösung. Mit zwei kleinen Kindern führt dieser Glaube direkt in die Erschöpfung. Die Lösung war nie mehr Anstrengung. Sie war immer bessere Struktur.
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Die Liste, mit der ich geprüft habe, welche Aufgaben wirklich an mir hängen — und welche nur nie abgegeben wurden. Inklusive der Reihenfolge, in der ich Bereiche ausgelagert habe.
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📌 Das hätte ich früher wissen müssen
1. Das Geschäftsmodell kommt vor dem Produkt. Immer.
2. Nichtwissen ist kein Geduldsproblem. Wenn etwas nicht läuft, fehlt meistens Wissen, nicht Zeit.
3. Delegieren beginnt mit Dokumentieren. Ohne aufgeschriebenen Prozess gibst du nichts ab.
4. Ein gescheitertes Unternehmen ist teure Ausbildung — aber es ist Ausbildung, wenn du die Lehren wirklich umsetzt statt nur darüber zu reden.
5. Wachstum ist eine eigene Aufgabe. Wer im Tagesgeschäft steckt, kommt nie dazu.
⚠️ Haftungshinweis: Dieser Artikel stellt keine Steuer-, Rechts- oder Finanzberatung dar. Alle geschilderten Erfahrungen und genannten Ergebnisse sind persönliche Einzelergebnisse — individuelle Ergebnisse können stark davon abweichen und es besteht keinerlei Garantie auf vergleichbare Resultate. Für steuerliche, rechtliche oder finanzielle Fragen wende dich bitte an entsprechend qualifizierte Fachleute: Steuerberatung, Rechtsanwaltskanzlei oder eine zugelassene Finanzberatung.
Deine nächsten Schritte Richtung finanzielle Unabhängigkeit
Ich kann dir nicht sagen, dass mein Weg auch bei dir funktioniert — das wäre ein Versprechen, das niemand seriös geben kann. Was ich dir geben kann, sind die Schritte, die bei mir die Struktur verändert haben, in der Reihenfolge, in der ich sie heute wieder gehen würde.
Schritt 1: Rechne, bevor du baust. Nimm dein geplantes Angebot und rechne einmal durch: Welcher Preis, welche Menge, welche Kosten, was bleibt? Wenn die Rechnung nur bei sehr optimistischen Annahmen aufgeht, ist das keine Startbedingung, sondern eine Warnung.
Schritt 2: Starte klein und im Nebenerwerb, wenn es geht. Nicht aus Ängstlichkeit, sondern weil du damit Fehler bezahlbar hältst. Kläre vorab die formalen Punkte — Gewerbeanmeldung, Steuernummer, Anmeldung bei der Krankenkasse, gegebenenfalls Zustimmung des Arbeitgebers. Für die konkrete Ausgestaltung: Steuerberatung.
Schritt 3: Führe eine Woche lang ein Tätigkeitsprotokoll. Schreib in Blöcken auf, was du tatsächlich tust. Markiere danach alles, was du nur deshalb machst, weil es nie jemand anderes übernommen hat. Das ist deine Delegationsliste.
Schritt 4: Dokumentiere den ersten Prozess. Nimm die Aufgabe, die am häufigsten wiederkehrt und am wenigsten von dir abhängt. Schreib sie so auf, dass eine fremde Person sie ohne Rückfrage erledigen kann. Ein Video mit Bildschirmaufnahme reicht oft völlig.
Schritt 5: Vergib genau diese eine Aufgabe. Nicht fünf auf einmal. Eine. Und rechne damit, dass die ersten Durchläufe schlechter sind als bei dir. Das ist kein Beweis, dass Delegieren nicht funktioniert — das ist die normale Einarbeitungskurve.
Schritt 6: Bau ein zentrales System. Sobald mehr als zwei Personen beteiligt sind, brauchst du einen Ort, an dem Aufgaben, Zuständigkeiten und Status für alle sichtbar sind. Chatnachrichten sind kein System.
Schritt 7: Blocke Zeit für Wachstum. Feste Blöcke im Kalender, in denen du nicht im Tagesgeschäft arbeitest, sondern am Unternehmen. Bei mir ist das heute die Hauptaufgabe. Am Anfang waren es kleine geschützte Zeitfenster — aber sie waren geschützt.
Die Tools, mit denen ich arbeite
Transparenzhinweis / Werbung: Einige der folgenden Links können Partnerlinks (Affiliate-Links) sein. Ein Affiliate-Link bedeutet: Wenn du darüber ein Produkt kaufst, erhalte ich eine Provision. Für dich ändert sich der Preis dadurch nicht. Ich empfehle ausschließlich Tools, die ich selbst im Einsatz habe.
Ein zentrales Datenbank- und Aufgabensystem. Bei mir läuft das operative Geschäft über Airtable — eine Mischung aus Tabelle und Datenbank, in der Aufträge, Zuständigkeiten und Status für alle sichtbar sind. Das ist der Kern, an dem alles andere hängt. [Affiliate-Möglichkeit: Airtable / Kategorie Datenbank- und Projekttools]
Automatisierung zwischen den Tools. Ich nutze Make, um Aufgaben zu verbinden, die sonst jemand von Hand kopieren müsste — zum Beispiel eine Buchung, aus der automatisch eine Aufgabe und eine Benachrichtigung entsteht. Automatisierung heißt hier schlicht: eine Regel, die eine wiederkehrende Handarbeit ersetzt. [Affiliate-Möglichkeit: Make / Kategorie Automatisierungstools]
Interne Kommunikation. Slack, damit Absprachen nicht in privaten Chats und E-Mail-Postfächern verschwinden. Der eigentliche Gewinn ist nicht das Tool, sondern die Regel: Was das Team betrifft, wird dort besprochen, wo alle es sehen. [Affiliate-Möglichkeit: Slack / Kategorie Team-Kommunikation]
Buchhaltung. Ich arbeite mit LexOffice und gebe die Buchhaltung zusätzlich extern ab. Beides zusammen, nicht eins statt des anderen. Software ersetzt keine Fachperson. [Affiliate-Möglichkeit: LexOffice / Kategorie Buchhaltungssoftware]
Grundausstattung fürs Büro. Google Workspace für Dokumente, Kalender und Mail. Unspektakulär, aber die Basis, auf der alles andere sitzt. [Affiliate-Möglichkeit: Google Workspace / Kategorie Office-Suite]
Ein Wort zur Reihenfolge: Tools lösen kein Strukturproblem. Wenn dein Prozess nicht klar ist, machst du mit Software nur die Unklarheit schneller. Erst dokumentieren, dann automatisieren.
Häufige Fragen
Wie lange hat es bei dir gedauert, bis das Unternehmen ohne dich lief?
Ich gebe hier bewusst keine Monatszahl an, weil ich meinen Verlauf nicht monatsgenau dokumentiert habe und ich keine Zahl erfinden möchte. Was ich sagen kann: Es war kein einzelner Umschaltpunkt, sondern ein schrittweiser Prozess über mehrere Phasen. Zwischen der ersten Gründung und der heutigen Struktur liegen eine gescheiterte Firma und eine Neugründung. Der entscheidende Beschleuniger war nicht mehr Arbeitszeit, sondern das Dokumentieren von Prozessen und das systematische Abgeben von Bereichen. Der erste ausgelagerte Bereich hat am längsten gedauert, jeder weitere ging schneller. Rechne bei dir eher in Jahren als in Wochen — und miss den Fortschritt nicht am Umsatz, sondern daran, wie viele Tage dein Geschäft ohne dich weiterläuft.
Geht eine Firmen Gründung für Frauen auch mit kleinem Budget?
Mein eigener Start lag im Nebenerwerb als GbR, ohne große Anfangsinvestition. Das ist ein gangbarer Weg, besonders bei Dienstleistungen, wo du kein Warenlager und keine teure Produktion brauchst. Die Marktdaten stützen das: Der Zuwachs an Gründungen in Deutschland wird laut KfW-Gründungsmonitor fast vollständig vom Nebenerwerb getragen, und der Frauenanteil ist genau dort am stabilsten. Trotzdem ist „kleines Budget“ nicht dasselbe wie „kein Budget“ — Software, Buchhaltung und die ersten ausgelagerten Aufgaben kosten Geld, und diese Kosten kommen, bevor der Umsatz stabil ist. Plane also lieber eine kleine Reserve ein als gar keine. Welche Rechtsform und welche steuerliche Gestaltung für dich sinnvoll ist, klärst du am besten mit einer Steuerberatung — das ist keine Frage, die man aus einem Blogartikel beantwortet.
Ist das neben einem Job und kleinen Kindern überhaupt machbar?
Bei mir hat der Aufbau parallel zu allem anderen stattgefunden, mit zwei kleinen Kindern. Machbar ja — leicht nein, und ich möchte hier nichts beschönigen. Was du realistisch einplanen musst, ist nicht nur die Arbeitszeit, sondern die Aufmerksamkeit: Zwei Systeme parallel zu führen kostet Energie zusätzlich zu den Stunden. Was bei mir geholfen hat, war weniger Zeitmanagement und mehr Reduktion — früh entscheiden, was ich nicht mache, statt zu versuchen, alles unterzubringen. Außerdem: verlässliche Betreuung ist keine Nebensache, sondern eine Grundvoraussetzung. Und ganz ehrlich: Es gab Phasen, in denen die Belastung hoch war und die Erholung als Erstes weggefallen ist. Das ist der Teil, der in Gründungsgeschichten fast nie vorkommt und trotzdem zur Wahrheit gehört.
Bedeutet Selbstbestimmung als Unternehmerin automatisch mehr Freiheit?
Nein, jedenfalls nicht am Anfang. In der ersten Phase bist du der Engpass für alles: Verkauf, Leistung, Rechnung, Reklamation. Wenn du ausfällst, fällt das Geschäft aus — das ist weniger Freiheit als eine Festanstellung, nicht mehr. Selbstbestimmung entsteht erst, wenn zwei Dinge zusammenkommen: eine finanzielle Basis, die dir ein Nein erlaubt, und eine Struktur, in der dein Nein keine Katastrophe auslöst. Der zweite Punkt wird fast immer unterschätzt. Ich würde deshalb sagen: Unternehmertum ist ein möglicher Weg zu mehr Selbstbestimmung, aber kein automatischer — und er führt zuerst durch eine Phase mit deutlich weniger Freiheit als vorher.
Was würdest du jemandem raten, dessen erste Firma gerade gescheitert ist?
Zuerst: Trenne das Ergebnis von deiner Person. Meine erste GbR ist gescheitert, und es hat gedauert, bis ich das als Geschäftsereignis und nicht als Urteil über mich gelesen habe. Dann: Mach eine echte Auswertung, schriftlich. Was war Markt, was war externer Schock, was war mein Fehler? Bei mir waren es zu viel Produktfokus und zu wenig unternehmerisches Wissen — der Markteinbruch kam obendrauf, war aber nicht die alleinige Ursache. Diese Ehrlichkeit ist unangenehm und gleichzeitig das Wertvollste, was du aus einem Scheitern mitnimmst. Ich sage inzwischen, ich habe meinen MBA in der Praxis gemacht statt an einem College in England — gekostet hat es wahrscheinlich ungefähr dasselbe. Der Unterschied ist, ob du die Lehren danach wirklich umsetzt oder nur davon erzählst.
Zum Schluss
Wenn du einen Satz aus diesem Text mitnimmst, dann diesen: Dein Unternehmen macht dich nicht dadurch unabhängig, dass es viel Geld verdient. Es macht dich dadurch unabhängig, dass es stabil ohne dich funktioniert.
Das ist eine Konstruktionsaufgabe, keine Frage der Anstrengung. Und sie fängt kleiner an, als du denkst — mit einer aufgeschriebenen Aufgabe und einer Person, die sie übernimmt.
Maria Elisabeth Doerk
Unternehmerin und Business Coach. Hat drei Unternehmen gegründet, führt heute zwei GmbHs in Holding-Struktur als alleinige Inhaberin und begleitet Selbstständige beim Aufbau tragfähiger Strukturen. Schreibt über finanzielle Unabhängigkeit, Delegation und den Weg von der Solo-Selbstständigkeit zum Unternehmen, das ohne die Gründerin funktioniert




